5 stars
Marx auf Speed
im quanten-obsessiven Modus -
Mit rasender, zermürbender Geduld, werden hier die winzigsten Unterschiede in den Redundanzen der Kreisläufe zerpflückt, durch die die Teile von Teilen von Teilen des Werts (Alpträume von Wertteilen, die sich endlos verzweigen) der verschiedenen Formen des Kapitals in schwindelerregenden Schweifen wandern – zerlegt zunächst also in ans Tautologische grenzende, analytische Formeln, um dann nach und nach doch dem einen oder anderen unerwartet teuflischen Problem Platz zu machen, das sich aus ihrer letztendlichen (Re)Aggregation ergibt – der Reproduktion und Zirkulation des gesellschaftlichen Gesamtkapitals - einfach und erweitert - in den letzten 4 Kapiteln, in denen wir zudem auch endlich, hier und da, auf einige jener dialektischen Delikatessen stoßen, an die uns der erste Band möglicherweise verwöhnt hatte.
Ein kleines Beispiel - da es eine allgemeinere methodische Pointe enthält, die gut den stringenten Geist des Buches insgesamt darstellt - sei erlaubt, aus dem letzten Kapitel, …
Marx auf Speed
im quanten-obsessiven Modus -
Mit rasender, zermürbender Geduld, werden hier die winzigsten Unterschiede in den Redundanzen der Kreisläufe zerpflückt, durch die die Teile von Teilen von Teilen des Werts (Alpträume von Wertteilen, die sich endlos verzweigen) der verschiedenen Formen des Kapitals in schwindelerregenden Schweifen wandern – zerlegt zunächst also in ans Tautologische grenzende, analytische Formeln, um dann nach und nach doch dem einen oder anderen unerwartet teuflischen Problem Platz zu machen, das sich aus ihrer letztendlichen (Re)Aggregation ergibt – der Reproduktion und Zirkulation des gesellschaftlichen Gesamtkapitals - einfach und erweitert - in den letzten 4 Kapiteln, in denen wir zudem auch endlich, hier und da, auf einige jener dialektischen Delikatessen stoßen, an die uns der erste Band möglicherweise verwöhnt hatte.
Ein kleines Beispiel - da es eine allgemeinere methodische Pointe enthält, die gut den stringenten Geist des Buches insgesamt darstellt - sei erlaubt, aus dem letzten Kapitel, MEW 24, S. 504:
“Man sieht, bei der objektiven Analyse des kapitalistischen Mechanismus sind gewisse, demselben noch extraordinär anklebende Schandflecken nicht als Ausflüchte zur Beseitigung theoretischer Schwierigkeiten zu verwerten. Aber sonderbarerweise schreit die große Mehrzahl meiner bürgerlichen Kritiker, als ob ich z.B. in Buch I des „Kapital" durch die Annahme, daß der Kapitalist den wirklichen Wert der Arbeitskraft zahlt, was er großenteils nicht tut, selbigen Kapitalisten ein Unrecht angetan hätte!”
Doch im Übrigen – wtf soll das denn hier sein? worauf habe ich mich hier eigentlich eingelassen, und why, why are you even telling me this Marx? – mag sich der Leser wohl nicht selten fragen.
Dabei wird er auch möglicherweise immer wieder verblüfft sein, dass ein Denker wie Marx sich jahrelang den Kopf über solch offensichtliche oder doch nur scheinbare Kleinigkeiten dieser Art zerbrochen hat…
Nichtsdestotrotz, während sich im Laufe der Hunderte von Seiten die lächerlichen Unterschiede, die winzigen Einheiten, die Marx – wie besessen – mit so mühsamer Akribie zu analysieren versucht – sich ansammeln und summieren, kommt es tatsächlich vor, dass man plötzlich, ja, fast wie aus heiterem Himmel, mit Problemen konfrontiert wird, deren unerwartete Komplexität einen zweifeln lässt – Moment mal, habe ich in den scheinbar banalen vorangegangenen Abschnitten nicht etwas übersehen?
Viele sagen also, dieses Buch sei sehr schwer.
Ich stimme dieser Einschätzung nicht wirklich zu.
Im Vergleich zum ersten Band von „Das Kapital“, der eine spektakuläre Fülle an Inhalten bietet, erscheint es mir – deutlich – leichter.
Lasst euch also nicht davon abbringen, es zu lesen.
Tatsächlich sind die ersten, sagen wir 300–350 Seiten, einfach, repetitiv. Abgesehen vielleicht von einigen Passagen in einem der Teile, in denen Adam Smith kritisiert wird, gibt es hier nichts übermäßig Komplexes.
Im Gegenteil. Marx schlüsselt alles auf, analysiert es in so offensichtlichen Einheiten und mit so klaren Argumentationen, dass große Teile des Buches der sich wiederholenden Entfaltung einer großen Tautologie ähneln.
Im Grunde scheint es also lediglich um die Übersetzung einer Reihe von Kategorien und typischen Problemen der politischen Ökonomie in die Begriffe ihrer Marx’schen Erneuerung zu gehen, die Sprache Marx', in der ihre Schwierigkeit gewissermaßen einfach verschwindet.
(Es sollte niemanden überraschen, dass gerade diese Fantasie der analytischen Philosophie von Niemand anders als Marx verwirklicht werden konnte.)
Dieses ganze problematische Gewirr löst sich in Luft auf, ja – mit Ausnahme, das heißt, des letzten Problems, sagen wir, der Mutter aller Probleme der Zirkulation: der Reproduktion des gesellschaftlichen Gesamtkapitals.
Denn sicherlich, wenn wir zu den letzten vier Kapiteln kommen – als ob ein qualitativer Sprung stattfände –, beginnt die Angelegenheit tatsächlich die eine oder andere knifflige Schwierigkeit anzunehmen, die die Konzentrationsfähigkeit des Lesers immer wieder auf die Probe stellt.
Hier erinnert Marx - vorausschauend - an den Sartre der Kritik der dialektischen Vernunft – Marx, der Obsessive, auf Speed.
Doch genau hier kann man eine Eigenschaft wahrnehmen, die ein Großteil der Nachwelt der ökonomischen Tradition (mit Ausnahme vielleicht von Schumpeter) Marx nie zugestanden hat: die Tiefe und Präzision, mit der er sich tatsächlich mit sehr spezifischen – spezialisierten – Problemen jener Disziplin namens politische Ökonomie befasste.
Wir können hier also einen durch und durch wissenschaftlichen Marx der politischen Ökonomie sehen, der mit der Besessenheit eines Spezialisten voll und ganz darin versunken ist, verschiedene recht spezialisierte Probleme aufzuwerfen, zu kritisieren und zu lösen.
Ich weiß nicht, was sich die Leute vorstellen, wenn sie daran denken, „Das Kapital“ zu lesen. Aber ich vermute, dass es zwei Arten möglicher Erwartungen gibt.
Einige werden denken, dass „Das Kapital“ ein fast „propagandistischer“, stark politisierender Text ist, so etwas wie eine Langfassung des Kommunistischen Manifests.
Andere hingegen, dass es sich bei „Das Kapital“ um ein Buch über „Wirtschaft“ handelt, in dem sie viele Formeln und mathematische Berechnungen sowie alle möglichen „wirtschaftlichen“ Probleme finden werden.
Wenn der erste Band in gewisser Weise einigen Aspekten der ersten Erwartung entspricht, so trifft es ungefähr ebenso zu, dass der zweite Band dies in Bezug auf die zweite Erwartung tut.
Ja, ein bisschen ist das Buch schon zum Verzweifeln - mag man oft denken - wat solls - doch - ertappt man sich nicht trotzdem dabei, manchmal, gegen Ende, doch mit dem Gedanken zu spielen, dass, naja, es sich möglicherweise lohnen könnte, vielleicht, irgendwann, weil, ja, es schon da, irgendwie, aus dieser wüstenhaft-tautologischen Analysis, man weiß nicht wie, gewisse, unerwartete Schönheiten scheinen, es Mal wieder von vorne bis hinten zu lesen?
(Or is it just me?)
""